Heute freue ich mich über einen Gastbeitrag von Heike Marquardt über wertschätzende Kommunikation. Sie ist Rechtsanwältin, Mediatorin und Expertin für entwicklungsorientierte Konfliktlösungen in Unternehmen. Im folgenenden Blog erfahren Sie, dass man einige Mißverständnisse vermeiden könnte, wenn man sich selbst nicht alles glaubt.

Glauben Sie nicht alles, was Sie über andere denken! Oder: Wie Sie durch wertschätzende Offenheit sich und anderen die Kommunikation vereinfachen.

Wer kennt das nicht? Ein Kollege verhält sich irgendwie komisch Ihnen gegenüber. Man beginnt zu grübeln und zu interpretieren, was der andere wohl denkt oder fühlt. Engelchen und Teufelchen auf unserer Schulter flüstern uns jetzt unterschiedliche Vermutungen zu. Und gerne lassen wir uns in solchen Situationen auf die negativen Gedanken ein.

PS: Sie schauen lieber Videos statt zu lesen?
Dann finden Sie ganz unten im Blog den ‚The Bridge Talk‘ mit Heike Marquardt und mir.

Haben Sie heute schon Gedanken gelesen? Und falls ja, wie hat dies die Qualität Ihrer Beziehungen beeinflusst?

Meine Frage zielt weniger auf die Ergründung Ihrer telepathischen Fähigkeiten ab – deren Existenz wissenschaftlich nie bewiesen wurde – als vielmehr auf ein alltägliches Phänomen. Es wird in der Psychologie eher missverständlich als „Gedankenlesen“ bezeichnet. Gedankenlesen wird als der Vorgang beschrieben, bei dem Menschen das Verhalten, die Gedankengänge, Motive und Gefühle ihrer Mitmenschen vermeintlich „lesen“ können.

Als Konflikt-Coach und Mediatorin begegnet mir das Phänomen des Gedankenlesens recht häufig. Kaum ein Konflikt, in dem nicht mindestens ein Beteiligter sich leidenschaftlich und vor allem, ohne sich dessen bewusst zu sein, dem Gedankenlesen hingibt. Einen Meister des wenig hilfreichen Gedankenlesens hat Paul Watzlawick in seinem wunderbaren Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ beschrieben. Die Geschichte illustriert recht gut die möglichen Konsequenzen.

„Behalten Sie Ihren Hammer!“

Vielleicht kennen Sie die Geschichte von dem Mann, der sich von seinem Nachbarn einen Hammer leihen möchte?

Die Geschichte beginnt mit dem Plan eines Mannes, sich bei seinem Nachbarn einen Hammer zu leihen, um ein Bild aufzuhängen. Die Geschichte endet damit, dass dieser Mann bei seinem Nachbarn klingelt und ihn ohne ein weiteres Gespräch beschimpft, er möge den blöden Hammer doch einfach behalten.

Besonders interessant ist das, was zwischen dem Vorsatz den Hammer zu leihen und der Beschimpfung zwischen dem Mann und seinem Nachbarn passiert: nämlich ….NICHTS. Zumindest nicht äußerlich. Innerlich läuft in diesem Mann genau das ab, was ich oben dargestellt habe: Der Mann steigt ein in den Prozess des Gedankenlesens und alle sich daraus ergebenden Gefühlsdynamiken. Währenddessen ist sein Nachbar völlig ahnungslos, welcher Konflikt sich in der Nachbarwohnung zusammenbraut.

Was genau hat also der Mann innerlich getan, um so wütend auf seinen Nachbarn zu werden. Was hat dazu geführt, dass er ihn beschimpft und unterstellt, der Nachbar wolle ihm den Hammer gar nicht leihen und sei auch sonst ein blöder Typ?

In der Geschichte setzt der Mann seinen Vorsatz, seinen Nachbarn um den Hammer zu bitten, nicht sofort in die Tat um. Vielmehr versucht er zu erahnen, wie sein Nachbar wohl auf diese Bitte reagieren wird. Er versucht also, dessen Gedanken, Motive und Gefühle zu erahnen und damit vermeintlich dessen Gedanken zu „lesen“. Und während er dies tut, kommen dem Mann erste Zweifel an der freundlichen Gesinnung des Nachbarn. Hatte dieser ihn doch gerade gestern nur flüchtig gegrüßt. Und er fragt sich, woran das wohl läge? War der Nachbar in Eile oder hat er etwas gegen ihn? Ein Zweifel ergibt den nächsten und nach reichlich Grübeln werden aus Zweifeln des Mannes Hypothesen über seinen Nachbarn und dessen Motive. Und aus diesen Hypothesen wird für ihn Gewissheit: Der Nachbar mag mich nicht und wird mir seinen Hammer nicht leihen. Überhaupt ist der Nachbar ein unangenehmer Typ.

Das Resultat dieses Vorgangs und das Ende der Geschichte habe ich oben beschrieben: Er beschimpft seinen Nachbarn. Wie das Verhältnis zwischen dem Mann und seinem Nachbarn weiter geht, führt Watzlawick nicht aus. Aber es ist wohl eher wahrscheinlich, dass das nachbarschaftliche Verhältnis dadurch einen zwischenzeitlichen Tiefpunkt erleidet und die Wahrscheinlichkeit weiterer Konflikte steigt.

Und vielleicht führt der Nachbar seinerseits weiter, was der Mann begonnen hat: er versucht die Gedanken des Mannes zu erahnen, und das Ergebnis dieses vermeintlichen Gedankenlesens wird wiederum seine Gefühle und sein Verhalten steuern.

Dass Gedankenlesen Konflikte erzeugen oder verstärken kann hat Watzlawick eindrucksvoll dargestellt. Wie also umgehen mit dem Phänomen des Gedankenlesens? Sollte man Gedankenlesen unterlassen? Hat das Gedankenlesen vielleicht sogar eine hilfreiche Seite?

Und noch mehr Gedankenlesen….

Das möchte ich mit Ihnen an einem anderen Beispiel gemeinsam untersuchen. Nehmen wir an, Sie erfahren zufällig in der Kantine, dass in Ihrem Bereich eine Besprechung zu einem Thema stattfindet, mit dem auch Sie immer wieder befasst sind. Sie sind der Ansicht, Sie sollten auch an der Besprechung teilnehmen, wurden aber aus Ihnen unbekannten Gründen nicht eingeladen.

Unterstellt, Ihnen ist das Thema der Besprechung und Ihre Teilnahme grundsätzlich wichtig, werden Sie höchstwahrscheinlich zeitnah beginnen, Hypothesen zu entwickeln, wieso Sie nicht eingeladen wurden. Da wir als Mensch ständig bestrebt sind, Sinn in unserer Umwelt und unserem sozialen Miteinander zu entdecken, ist dieses Vorgehen fast unvermeidlich. Und in einem gewissen Rahmen kann es auch sinnvoll sein, hier z.B. um für ein Gespräch mit dem Einladenden Argumente vorzubereiten. Gedankenlesen ist somit erstmal grundsätzlich unvermeidbar und in einigen Aspekten auch sinnvoll.

Würden Sie jetzt die Strategie des Mannes aus dem Hammerbeispiel anwenden, könnte der weitere Verlauf so aussehen: Sie würden in der kommenden Nacht über die Frage der unterbliebenen Einladung brüten und nach einer durchwachten Nacht würden Sie sich aus der Vielzahl der möglichen Hypothesen wahrscheinlich für eine entscheiden und diese für die Wahrheiten halten.

Und je nach Vorerfahrung, Weltsicht und Stimmung könnte Ihre Hypothese z.B. so aussehen:
  • Hypothese 1: Der einladende Kollege weiß nicht, dass Sie auch an dem Thema beteiligt sind und hat Sie deswegen nicht eingeladen.
  • Hypothese 2: Der einladende Kollege versucht, seine Machtposition auszubauen und Sie auszubooten. Deswegen wurden Sie nicht eingeladen.
  • Hypothese 3: Der einladende Kollege hält Sie für komplett inkompetent und hat deswegen auf eine Einladung verzichtet. Er meint, Sie hätten eh nichts Wertvolles beizutragen.
  • Hypothese 4: Der einladende Kollege ist sehr empathisch und weiß, dass Sie zur Zeit etwas überlastet sind. Er möchte Sie schonen.

Die Liste könnte mit etwas Kreativität noch lange fortgesetzt werden.

Was meinen Sie, wie fühlen Sie sich am nächsten Morgen, wenn Sie wahlweise Hypothese 1, 2, 3 oder 4 als Wahrheit unterstellen? Wie wirkt sich dies auf den nächsten Kontakt mit dem Einlader aus? Sehr unterschiedlich, oder?

Lösungswege für die wertschätzende Kommunikation

Was ist also ein hilfreicher Umgang mit der menschlichen Neigung, Gedanken zu lesen?

  • Bedenken Sie den Unterschied zwischen einem zu beobachtenden Verhalten (Ein Kollege lädt Sie nicht ein.) und Ihren Schlussfolgerungen und Hypothesen (hier Hypothese 1-4). Machen Sie sich klar, dass es neben der Ihnen eingängigsten Hypothese meist weitere Erklärungen für das Verhalten eines Menschen geben kann. Die einzige Art, tatsächlich herauszufinden, welches Motiv der Einlader dabei hatte, Sie nicht einzuladen, ist das persönliche Gespräch.
  • Berücksichtigen Sie, dass Ihre Hypothesen – selbst wenn Ihnen klar ist, dass es lediglich Hypothesen sind und Sie nicht „die Wahrheit“ kennen – die Art und Weise beeinflussen, wie Sie Ihrem Gegenüber das nächste Mal begegnen. Unterstelle ich meinem Gegenüber schlechte Absichten, ist die Chance höher, dass die nächste Begegnung nicht positiv verläuft. Das passiert selbst dann, wenn ich meine Hypothesen für mich behalte. Gehe ich davon aus, dass der andere legitime Absichten und Motive hat, wird die Begegnung ebenfalls anders sein.
  • Und wenn Sie möchten, ein kleiner Bonuseffekt, das eigene Gedankenlesen zu hinterfragen: Erkennen Sie, dass Ihre Hypothesen durchaus einen Hinweis auf Ihr eigenes Weltbild und Ihre eigenen Themen geben können. Es macht einen Unterschied, ob ich denke, dass ich nicht eingeladen wurde, weil man meine Konkurrenz fürchtet oder weil ich vermute, dass man mich für inkompetent hält. Taucht eine Hypothese öfter in Ihrem Leben auf, können Sie entscheiden, ob diese für Sie hilfreich ist oder ob Veränderungsbedarf besteht.
Meine persönliche Schlussfolgerung: Statt durchgrübelter Nächte über Motive und Hintergründe meines Gegenübers schneller das persönliche Gespräch zu suchen. Wertschätzende Neugier auf die Welt des anderen statt übermäßigem Gedankenlesen mit all seinen Nebenwirkungen. Viel Erfolg und Freude dabei!

 

Gastbeitrag von Heike Marquardt

Heike Marquardt ist Rechtsanwältin und Mediatorin, Coach und Heilpraktikerin Psychotherapie. Sie begleitet Privatpersonen, Unternehmen und Institutionen, Konflikte interessen- und beziehungsorientiert zu lösen. Wertschätzung, Kreativität und Humor sind dabei für sie wichtige Ressourcen.

 

 

 

 

 

 

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